Ich lerne John an der Westküste
kennen,
nachdem ich bereits die Isle of Skye besucht habe, um dort am
Old
Man of Stor für meinen Vater kleine Steine zu sammeln, die er
später zu Hause mit großer Begeisterung unter einer
binokularen
Prismenlupe betrachten wird. Diese
Micromounts können
beliebig
klein sein. Wie sollte man sie sonst auch transportieren. Sie haben
zudem gegenüber dem hier weit verbreiteten Brot den Vorteil, bei
gleichem Gewicht nur ein Tausendstel des Volumens einzunehmen.
*
John hat einen sehr seltsamen Nachnamen:
Nigritude. Ultramarine
nennt er zudem die kleine Bucht nahe
Lower
Diabeg, in deren Nähe er wohnt und
wo er, wie er sagt, mit großer Begeisterung angelt, wenn ihm der
Sinn
nicht nach
Forellen steht. Es ist eine
beschauliche Welt mit weiten Fahrwegen, geschotterten Straßen und
altmodischen Telefonverbindungen, die noch an Telegrafenmasten
über
Land geführt werden und bei jedem zweiten Gewitter ausfallen. Wir
schreiben das Jahr 1980. Das Internet ist noch nicht frei
verfügbar und
Maggy
Thatcher hat das Land noch nicht völlig ruiniert.
*
«Where are you from, Scandinavia?», fragt mich John, als
ich in seinen
Wagen steige, der schon mehr Rost angesammelt als Meilen gelaufen hat.
Mit dem großen Spiel der Lenkung erinnert mich die Szene an
amerikanische Spielfilme aus den fünfziger Jahren. Ich antworte
wahrheitsgemäß:
«Deutschland.»
«I saw the backpack, it's a swidish one. If I had known you being
from
Germany I shouldn't have stopped.»
Damals wie heute haben
die Briten den gewonnenen Krieg, in dem sie ein Weltreich verloren
haben, nicht verarbeitet. Ich antworte nicht. Zahlreiche Nächte
auf
britischen Lastkraftwagen
haben mich gelehrt, dass man auf dem Niveau der
Sun nicht
diskutieren kann. Vorne prangt ein nackter Busen und auf Seite drei
vergleicht man Verhalten und Äußerungen deutscher Politiker
mit der
unseligen Hitlerzeit. Und wer sieht Kanzler Helmut Schmidt schon gerne
durch den englischen Dreck gezogen. Ich wäre heute ein reicher
Mann,
hätte ich für jede ähnlich lautende Aussage damals ein
Pfund bekommen.
«Where are you from, in Germany?», fragt mich John. Er
merkt, dass mich
die
Aussage nicht wirklich beeindruckt hat.
«Ich komme aus der Hauptstadt», antworte ich mit arger
List.
«So you
are from Berlin.» Die Briten kennen die Stadt offensichtlich noch
aus
der Zeit, als sie von ihren Bombern angeflogen wurde, zunächst, um
sie
zu zerstören, später um sie gegen den Kommunismus zu
verteidigen.

*
Um die Situation zu retten, zeige ich
mich von
meiner Schokoladenseite. Ich mache den Schotten das Kompliment, dass
man sehr gut trampen könne. Niemand scheint Angst zu haben. John
bestätigt das:
«We don't bother much about strangers. Everything is very smooth
up
here. You're perfectly safe travelling through the Scottish highlands.
The only crime up here is killing people on the road while being drunk.
Maybe, if you drive too fast you lose your bloody license.»
Schließlich fachsimpelen wir über das Angeln. Die
Teleskopangelrute
außen an meinem Rucksack ist unübersehbar. John will zum
Loch Voil,
unweit der Trossacs, um Forellen zu fangen. Und da ich zum Wandern in
die Gegend will, bleibe ich einfach im Auto sitzen. Loch Voil
zähle zu
den fischreichsten Seen Schottlands, erzählt John, einsam gelegen
und
allenfalls von einer back-to-nature Gruppe besucht. Ich kenne den See
von meiner Reise im Vorjahr, als ich noch ohne Angel unterwegs war und
mich das nackte Volk mit dem Boot übergesetzt hatte. (Im Angesicht
des
gewöhnungsbedürftigen Essens hatte ich mir vorgenommen, nur
noch mit
einer Angelrute zurück zu kommen.)
*
Meine Angelerlaubnis gilt für die
Highlands and
Islands, was etwa 80% der Fläche abdeckt. Wir sitzen am Loch
Voil
und lassen Leinen und Seelen
baumeln. Als Gegenleistung habe ich mich bereiterklärt, das Benzin
für
den alten Lieferwagen zu bezahlen. John teilt mit mir, was er hat. Er
hat nicht viel, da geht es ihm wie den meisten Schotten. Irgendein
Versager von Übersetzer muss früher einmal «arm»
mit «geizig» übersetzt
haben. Aber der Schotte an sich ist
freigiebig, nur dass er nichts zu geben hat. Und so verbringe ich die
Nächte im Zelt und John schläft auf dem Boden des Laderaums
seines
völlig verrosteten Vauxhall.
*
«Du bist nicht verheiratet, nicht liiert?», frage ich ihn,
als wir die
das Feuer so weit angefacht haben, dass wir den Fang der letzten
Stunden in die Pfanne hauen können.
«Well, Thomas, so many a married man is ruined by his
wife», seine
Worte kommen langsam und mit dem typischen Singsang der schottischen
Westküste, «and those, not married, are ruined by whisky and
beer,
you're with me?» Klar bin ich bei ihm, ich sitze ja da. Ich habe
ihn
verstanden.
*
«Well, Thomas, I tell you what kind of girl I am looking for.
Slim
figure, long blonde hair, voluptious tits. That's it!», vertraut
mir
John an und zwinkert mir dabei vielsagend
zu. Dabei rollt er das "r" in hair als wolle er damit die Wasser des
Sees kräuseln. «Fishing for girls like that takes a hook of
gold. The
only bait they go for is money, tons of money.» Er schaut schon
ein
wenig angeschlagen vom Bier. Whisky ist hier einfach viel zu teuer.
John tunkt das eklige Weißbrot in das Öl, in dem wir die
Forellen
gebraten haben. Er spricht mit vollem Mund:
«I tell you, what my problem is. Listen to me, Thomas, I tell
you.
Girls are either good-looking or tittiful, but they are very unlikely
both.»
*
Wir sind weit im Norden und es ist lange
hell -
aber irgendwann wird es dann doch Nacht am Loch Voil. Ich höre
John
stammeln:
«Maybe tomorrow, tomorrow maybe, we'll catch some extra trout,
Hommingberger's cheetah trout.»
Ich suche nach einer Übersetzung, aber das Bier hat John bereits
ins
Reich der Träume befördert. Morgen werde ich ihn fragen.
Morgen.