Held der Momatt ...
... oder wie ich eine Engländerin «rettete».
|
Ich
werde nicht müde zu beteuern, dass das Skigebiet am Klein
Matterhorn
der langweiligste Teil des Gebiets sei. Davon gibt es jedoch drei
Ausnahmen,
und zwar allesamt Talabfahrten, namentlich Furgg-Furri, Momatt
und Tiefbach1.
Vielleicht sind deshalb
die Gondeln ins Tal so voll, wenn ich mit oder ohne Begleitung abends
gegen
17 Uhr zum Schwarzsee hinauf fahre, um eine dieser Pisten als
«Absacker»
zu nehmen. Leider sind Momatt und Tiefbach um Ostern oft geschlossen.
*
April 2004. Gegen 16:15 Uhr lasse ich mich
gen Schwarzsee
tragen, um zunächst (und zum allerersten Mal) die Tiefbach
zu fahren und danach die Talabfahrt Furrg-Furri. Meine Frau und
die Kinder haben die Segel für heute gestrichen und so sitze ich
wieder
mal allein in der Gondel und schaue denen zu, die am Seil ins Tal
fahren.
Warum ich die Tiefbach verfehle, weiß ich bis heute nicht, aber
ich
passiere sie und wähle die Momatt, die sich als die
schwerere
der beiden Abfahrten herausstellen soll. Mit dem Snowboard komme ich in
dem tiefen Schnee wunderbar klar und habe bald die engeren Stellen
erreicht.
Hier ist die Tourenabfahrt nur noch zwei oder drei Buckel breit und man
muss schon mal zwei Meter und mehr an einer Buckelflanke herunter
rutschen,
um weiter zu kommen. Dazu kommen Passagen, die Felsvorsprünge
umgehen
- und das alles eingebettet in ein kleines, trockenes Bachtal.
 *
Ich biege um einen großen Buckel - und an diesen angeschmiegt
liegt
eine Skifahrerin und schaut mich an, als wäre ich der Wolpertinger2 persönlich (oder
zumindest ein Schneehase).
Sie ist in den Dreißigern
und spricht nur Englisch, sodass die folgende Konversation auf Englisch
stattfindet: «Geht es Ihnen gut?», frage ich sie.
«Ich
habe mein Selbstvertrauen verloren. Das ist nicht meine Piste. Ich
weiß
nicht, wie ich hier hinein geraten bin.» Nun, ich
weiß
auch nicht, wie man trotz der 1200 übergroßen,
dreisprachigen
Schilder in diese Abfahrt «geraten» kann. Es ist nun mal
die
höchste Kategorie, die hier ohne Helikopter fahrbar ist. Wie dem
auch
sei; ich versichere ihr, dass ich hinter ihr bleiben werde:
«Fahren
Sie vor!». Als ich sehe, dass sie die Buckel seitwärts
absteigen
will, was uns eine Mondscheinabfahrt bescheren dürfte, muntere ich
sie auf: «Fahren Sie auf den Buckel und drehen Sie dann!»
Zu
meiner Überraschung klappt das so, als sei sie absichtlich in die
Abfahrt hinein gefahren: «Wenn Sie diese Abfahrt ab jetzt jeden
Abend
fahren, können Sie sich enorm verbessern!», rufe ich ihr zu,
als wir wieder auf die Weiße Perle treffen. Ich gebe Gas,
denn für die Abfahrt Furgg-Furri ist es noch nicht zu
spät.
Und diesmal ist außer mir niemand mehr auf dem Weg nach oben.
*
Als ich die Dame am nächsten
Tag wiedersehe, ruft sie mir zu: «My
hero!», zu deutsch etwa «mein Held!», besser
«mein
Retter!». Das hat dieser Geschichte zu ihrem Namen verholfen.
1 Momatt
und Tiefbach sind im eigentlichen Sinne keine Pisten, sondern
nicht
kontrollierte Tourenabfahrten. Wegen ihrer geringen Breite und der
unberechenbaren
Schneeverhältnisse erfordern sie ein gewisses Fahrvermögen.
Bei
eisigen Verhältnissen schwierig.
2 Der Wolpertinger ist ein
schwer beobachtbares
Bergtier mit nicht näher spezifiziertem Stockmaß. Er ist
für
die Alpen, was der Yeti für den Himalaya ist. Allerdings bin ich
der
felsenfesten Überzeugung, dass ich ein solches Exemplar bereits
unterhalb
der Roten Nase gesehen habe, leider an einem Tag, an dem ich
keine
Kamera dabei hatte. |
|