Côte d'Azur

Die Rad­tour nach Ca­bas­son

Ca­bas­son Pla­ge liegt auf der an­de­ren Sei­te der Halb­in­sel von Bé­nat. Mei­ne Rad­tour da­hin hat zwei über­aus un­er­freu­li­che Din­ge zu Ta­ge ge­för­dert, ein von Feu­er ver­wüs­te­ter Wald, na­tur­ge­ge­ben, und die von Men­schen­hand ge­schaf­fe­ne Sper­rung ei­ner gan­zen Halb­in­sel.
Côte d'Azur - Radtour nach Cabasson
Der Sü­den Frank­reichs ist ei­ne hei­ße und tro­ckene Re­gi­on, aber man kann trotz­dem auf je­ne Men­ge an Was­ser pro Tag zu­rück­grei­fen, die wir Camp du Domaine, Brandschäden am Gegenhang ge­wohnt sind. Nur ist die Wald­brand­ge­fahr hier be­son­ders groß und das Feu­er, das in die­sem Som­mer gro­ße Flä­chen der Halb­in­sel von Bé­nat ver­wüs­tet hat, ist auch un­se­rem Fe­ri­en­pa­ra­dies so na­he ge­kom­men, dass der Camp du Do­maine für zwei Ta­ge eva­ku­iert wur­de. Men­schen cam­pier­ten am Strand und die Feu­er­wehr be­an­spruch­te die Zu­fahrts­stra­ße, so­dass Cam­ping­wa­gen ei­nen wei­te­ren Tag war­ten muss­ten.

Camp du Domaine, Brandschäden am Gegenhang Wie dicht die Flam­men der Be­bau­ung ka­men, kann man auf den Bil­dern er­ah­nen. Im­mer­hin wur­den we­der hier noch bei Croix Val­mer Per­so­nen ge­tö­tet oder Häu­ser zer­stört. Gro­ße Schä­den gab es bei la Lon­de: Wer über die Küs­ten­stra­ße an­reist, fin­det sich in­mit­ten von ver­brann­tem Land. Das sind die Vor­zei­chen, un­ter de­nen ich nach Ca­bas­son auf­bre­che, Luft­li­nie nur we­nig mehr als 3 km ent­fernt, mit dem Rad über Wald­we­ge ei­ne Welt­rei­se.

Camp du Domaine, Waldweg nach Cabasson Mit Goo­gle Maps kom­me ich in be­wohn­ten Ge­bie­ten ganz gut aus. Der Da­ten­kra­ke ist aber auch nicht mehr Wert als ein dumm da­hin­schwät­zen­der Ein­hei­mi­scher, der sein Wohn­zim­mer nicht mehr ver­lässt, wenn es um die Rou­te nach Ca­bas­son geht. Ich ge­be das Ziel ein, stel­le si­cher, dass ich Fahr­rad und nicht Fuß­gän­ger ei­ge­ge­ben ha­be, und fol­ge der Na­vi­ga­ti­on, die mich mit ge­wohnt freund­li­cher Stim­me, die ich «Isa­bel­la» ge­tauft ha­be, ins Ver­der­ben schickt.

Cabasson, Schotterweg und Brandschäden Der ers­te Ein­druck, als ich die ge­teer­te Stra­ße ver­las­se, ist der ei­nes arg lä­dier­ten Wald­wegs, nicht so do­mes­ti­ziert wie die We­ge im hei­mi­schen Kot­ten­forst, eher so, wie ich mir in Ju­gend­zei­ten den Ho-Chi-Minh-Pfad vor­ge­stellt hät­te. Be­reits nach we­ni­gen Me­tern muss ich un­ter ei­nem um­ge­fal­le­nen Baum hin­durch­krau­chen, der Weg ist aus­ge­spült und stei­nig. Die 47er Schwal­be Ma­ra­thon Rei­fen hel­fen mir über das Gröbs­te hin­weg, aber die Rou­ten­füh­rung ist ei­ne ähn­lich gro­ße Ka­ta­stro­phe wie das, was mich auf dem Weg be­glei­tet: Wo, bit­te schön, hät­te ich hier links ab­bie­gen sol­len? Ich se­he nicht ein­mal ei­nen Tram­pel­pfad, den ich zu Fuß hät­te neh­men kön­nen.

Camp du Domaine, Waldweg nach Cabasson Auf ei­ner Fa­ke News Sei­te hät­te jetzt si­cher je­mand ge­pos­tet: «Ab­ge­le­ge­nes An­we­sen nie­der­ge­brannt». Aber ich kann nun mal nicht lü­gen und ge­be zu, dass das Haus im letz­ten Jahr auch schon so aus­ge­se­hen hät­te, hät­te man es vor lau­ter Grün über­haupt se­hen kön­nen. Jetzt las­sen die ver­kohl­ten Äs­te das Son­nen­licht un­ge­hin­dert pas­sie­ren und man sieht vor al­lem die We­ge, die man frü­her nicht wahr­ge­nom­men hat, ei­ni­ge mas­siv aus­ge­spült.

Camp du Domaine, Waldweg nach Cabasson Ob das tat­säch­lich ein Re­sul­tat des Lösch­was­sers ist, wie Ein­hei­mi­sche sa­gen, das hier von Flug­zeu­gen ab­ge­wor­fen wur­de, kann ich nicht nach­prü­fen. Die Steil­heit der We­ge er­reicht hier un­klu­ge 20%, was ei­nen Lö­schein­satz mit erd­ge­bun­de­nem Gerät er­heb­lich er­schwert. Da­für hat man es dann doch ir­gend­wie ge­schafft, ei­ni­ge sehr ex­po­niert ge­le­ge­ne Lie­gen­schaf­ten aus dem Flam­men­tep­pich her­aus­zu­lö­sen. Skur­ril!

Camp du Domaine, Waldweg nach Cabasson Da­mit ich sel­ber glau­be, dass ich mit dem Rad un­ter­wegs bin, ma­che ein Fo­to von mei­nem Tou­ren­rad kurz vor der Pass­hö­he. Al­le Bil­der wir­ken hier flach, egal wie steil das Ge­län­de ist. Ich nä­he­re mich von Nor­den der Ab­fahrt nach Ca­bas­son. Die­sen Weg ha­be ich mir in des Wor­tes wahrs­tem Sin­ne frei­ge­kämpft, ver­kohl­te Äs­te ab­ge­bro­chen und das Rad stück­wei­se ge­tra­gen. Dass ich am En­de nur ei­ne Hö­hen­dif­fe­renz von 150 m über­wun­den ha­be, ist kaum zu glau­ben. Auch oh­ne Wald­brand hät­te man die­sen Weg mit dem Rad nie­mals fah­ren kön­nen!

Camion de Pompiers Brulé Der ver­brann­te Feu­er­wehr­wa­gen, Ca­mi­on de Pom­piers Brulé, ist ein in der gan­zen Re­gi­on be­kann­tes Re­likt ei­ner schon län­ger zu­rück­lie­gen­den Feu­ers­brunst. Er er­in­nert an drei Feu­er­wehr­leu­te, die hier am 21. Ju­ni 1990 von den Flam­men ein­ge­schlos­sen und ge­tö­tet wur­den. Das Denk­mal bil­det so­zu­sa­gen die Pass­hö­he. Von hier aus geht es nach Ca­bas­son nur noch bergab. Aber wie! Wer sich auf ei­ne Ab­fahrt freut, wird schnell ent­täuscht: Ich er­mitt­le aus den GPS-Auf­zeich­nun­gen ein Ge­fäl­le von 19%. Da heu­len selbst die Brem­sen ...

Camp du Domaine, Radtour nach Cabasson Das 800 m lan­ge Ge­fäl­le auf ex­trem zer­schlis­se­ner Fahr­bahn ist vor­bei und ich ha­be den Strand er­reicht. Der Wald­brand hat bis zum Strand hin­un­ter ge­wü­tet, aber auch hier blie­ben die kom­plett um­zäun­ten An­we­sen und Wein­fel­der ver­schont. Ein Blick auf mei­ne Kla­mot­ten zeigt, dass sie aus­se­hen, als hät­te ich beim Lö­schen ge­hol­fen, mein Fahr­rad auch. Die Rei­fen sind vol­ler Russ, die Hand­grif­fe eben­so. Ich trin­ke Per­ri­er aus der Fla­sche, die ich im da­für vor­ge­se­he­nen Hal­ter am Rad mit mir füh­re und schaue auf der di­gi­ta­len Kar­te nach, ob es ei­nen bes­se­ren Weg gibt zu­rück. Dass sich ei­ne Rück­fahrt über die D 42a ver­bie­tet, ver­steht sich von selbst.

Cabasson Plage Ich ha­be nicht vor hier zu ba­den, be­tre­te nur kurz den Strand, ma­che ein paar Bil­der und schwin­ge mich aufs Rad. Das Fort Bré­gan­çon liegt im Ge­gen­licht und ist un­ter die­sen Um­stän­den we­nig fo­to­gen. Da ich den Strand und das Fort spä­ter wie­der­se­hen wer­de, fällt es leicht auf Bil­der zu ver­zich­ten. Ziel des kur­zen Aus­flugs ist oh­ne­hin nur das Aus­kund­schaf­ten ei­nes zur Stra­ße al­ter­na­ti­ven Wegs. Das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd: Aus­nahm­los al­le Ab­schnit­te prä­sen­tie­ren sich ge­sperrt oder mör­de­risch steil. Der Fran­zo­se ver­ach­tet Fahr­rä­der, die ei­nen Ge­päck­trä­ger ha­ben!

Denkmal für drei verbrannte Feuerwehrleute Nach der mör­de­risch stei­len Auf­fahrt, die ich trotz ex­trem klei­ner Gän­ge kaum meis­tern kann, kom­me ich wie­der an das lie­be­voll ge­pfleg­te Denk­mal für die ver­brann­ten Feu­er­wehr­leu­te. Ich hal­te mich rechts und fol­ge dem Weg in Rich­tung Funk­mast. Durch das of­fe­ne Tor ei­ner Ein­fahrt ma­che ich ein Fo­to auf die Bucht von le La­van­dou. Dann ste­he ich un­ver­mit­telt vor ei­ner Schran­ke und Schil­dern, die nicht nur die Durch­fahrt ver­bie­ten, son­dern auch das Be­tre­ten der Lie­gen­schaft an sich, der Vil­la­ge des Four­ches. Hier hat sich viel Geld ein ei­ge­nes Zu­hau­se ge­schaf­fen. Da­für ei­ne gan­ze Halb­in­sel ab­zu­sper­ren geht je­doch ent­schie­den zu weit!

Blick auf die Bucht von le Lavandou Dass ich am En­de aus dem Di­lem­ma der ge­sperr­ten Stra­ßen heil her­aus­kom­me, ver­dan­ke ich ei­nem Fran­zo­sen, der vor­über­ge­hend in der «ver­bo­te­nen Ort­schaft» wohnt. Ich ste­he mit mei­nem Rad vor der Schran­ke, die ich in Deutsch­land auf je­den­fall igno­rie­ren wür­de, und rät­sel­ra­te noch, ob ich die Schil­der eben­falls igno­rie­ren soll, als sich, eher un­ty­pisch, ein Fran­zo­se auf ei­nem VTT von hin­ten nä­hert und mich fragt, ob er hel­fen kön­ne. Ich mei­ner­seits fra­ge ihn, wie ich trotz der Schil­der nach la Fa­viè­re hin­un­ter käme und er sagt mir, ich sol­le ihn be­glei­ten. Er sei An­lie­ger und mit dem Rad in der zer­stör­ten Land­schaft un­ter­wegs. Ich sei sein Gast.

Baie du Gaou Er bringt mich auf ei­nen Weg, dem ich fol­gen sol­le: «Von in­nen öff­net sich die Schran­ke auch oh­ne Pfört­ner», be­ru­higt er mich. Wir spre­chen über die Brand­schä­den, das Denk­mal und die un­pas­sier­ba­ren We­ge und dann tren­nen wir uns. Ich be­dan­ke mich und ma­che auf der Ab­fahrt noch Bil­der vom Pla­ge de Gaou und der Bucht. We­nig spä­ter las­se ich die Schran­ke hin­ter mir und er­rei­che den Cam­ping­platz. Viel Auf­re­gung für ei­nen lan­gen Vor­mit­tag und ei­ne mi­kro­sko­pisch klei­ne Stre­cke von nur 15 km!