Rechtschreibung und Rechtschreibreform
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| Rechtschreibung und Rechtschreibreform haben die Nation
ebenso tief gespalten, wie die Gilde der Skifahrer gespalten ist durch
die bereits zuvor diskutierte Frage nach der einfachen Erlernbarkeit
des Snowboardfahrens. Und hier wie dort disputieren vor allem Jene
lautstark, die froh sein können, dass es die Rechtschreibreform
gibt -
sodass ihre wesentlichen Fehler weniger werden. Jahrelang wusste
niemand, ob man «so dass» zusammen oder auseinander schreibt, dass man
«Nummerierungsbezirk» nur mit einem «m» schreibt und so weiter.
*
Als Vater ist es geboten so zu schreiben, wie es die Kinder
lernen. Nur die ewig Gestrigen stellen sich nicht um. Aber wer kann
schon seinen Kindern stilsicher einen Aufsatz korrigieren oder eine
Rede vorbereiten. Ohne die Rechtschreib- und Grammatikprüfung der
Textverarbeitungsprogramme kann doch ohnehin kaum jemand einen längeren
Text fehlerfrei verfassen. Von «der Schreibe», wie es so schön heißt,
sehen wir einmal ganz ab.*
Betrachten wir die Rechtschreibreform von ihrer
besten Seite. Sie hat das Schreiben nach dem Stamm hervor gebracht, das
unselige «ß» nach kurzem Vokal gekippt und die typisch deutschen
Wortschlangen auseinander gerissen. Als Schreiberling im Internet, in
dem die verschiedenen Browser nicht einmal in der Lage sind, eine
Tabelle auf die gleiche Art und Weise darzustellen, ist man doch sehr
dankbar, wenn man kurze Wörter benutzen kann. Von der Silbentrennung
wage ich nur zu träumen.
*
Sicherlich kann man darüber streiten, ob es einen Unterschied macht, ob
jemand, wie es das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL1
unlängst schrieb, «wohl bekannt» oder «wohlbekannt» ist. Hier hadere
auch ich mit der Reform. Andererseits bin ich angesichts der
zunehmenden Verödung der deutschen Sprache im Alltagsgebrauch aber auch
skeptisch, ob überhaupt mehr als zehn Prozent der Bevölkerung den
Unterschied zwischen den Varianten «wohl bekannt» und «wohlbekannt»
verstehen. Die Kritiker der Reform sollten sich vor das nachmittägliche
Jugendverdummungsprogramm der Privatsender setzen und dagegen
opponieren. Wer ein Einlenken bei der Reform verlangt, der übersieht,
dass die Wurzel allen Übels in der abnehmenden Bereitschaft begründet
liegt, sich produktiv mit der Sprache auseinander zu setzen. Das
Argument der Schriftsteller, dass es schlecht sei, wenn Schreiber und
Leser nicht die selbe Schriftsprache benutzen, ist hinfällig. Praktisch
gesehen hat es diesen Zustand in den letzten Jahren ohnehin nicht
gegeben. Immerhin bekommen Gegner der Rechtschreibreform heutzutage
Nobelpreise. Ich frage mich, ob ich nicht auch gegen irgendwas sein
kann?*
Auch werde ich den Eindruck nicht los, dass viele von denen, die
maßgeblich an der Reform beteiligt waren, nun so tun, als hätten sie
das nicht gewollt. Von Spitzfindigkeiten abgesehe hat das Regelwerk
einige beachtenswerte Änderungen hervor gebracht. Um die Reform
wirklich einfacher zu halten und die Akzeptanz zu
erhöhen, hätte man die Konjunktion «dass» seines unpraktischen zweiten
«s» berauben
müssen. Letzteres hätte vermutlich 50% der gängigsten
Fehler behoben. Gerade Zeitungsfritzen hätten von dieser Änderung
profitiert. Der Bonner General-Anzeiger trägt mit seinen
Stilblüten und grammatikalischen Fehlern in praktisch jedem Beitrag und
an jedem Morgen aufs Neue zur Belustigung seiner Leser bei. Als man die
Korrekturleser entließ, um Kosten zu sparen, ahnte man noch nicht, dass
die Redakteure selbst der Sprache immer weniger mächtig sein würden.
Man kennt diesen Effekt seit den Pisastudien. Heute sind die Fehler so
offensichtlich, dass sie direkt ins Auge fallen.1 Ich abonniere den SPIEGEL nun seit mehr als zwanzig Jahren, werde ihn aber abbestellen, wenn er, wie angekündigt, zur alten Rechtschreibung zurückkehrt. |
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