Betrachten wir die Rechtschreibreform von
ihrer
besten Seite. Sie hat das Schreiben nach dem Stamm hervor gebracht, das
unselige «ß» nach kurzem Vokal gekippt und die
typisch deutschen
Wortschlangen auseinander gerissen. Als Schreiberling im Internet, in
dem die verschiedenen Browser nicht einmal in der Lage sind, eine
Tabelle auf die gleiche Art und Weise darzustellen, ist man doch sehr
dankbar, wenn man kurze Wörter benutzen kann. Von der
Silbentrennung
wage ich nur zu träumen.
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Sicherlich kann man darüber streiten, ob es einen Unterschied
macht, ob
jemand, wie es das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL
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unlängst schrieb, «wohl bekannt» oder
«wohlbekannt» ist. Hier hadere
auch ich mit der Reform. Andererseits bin ich angesichts der
zunehmenden Verödung der deutschen Sprache im Alltagsgebrauch aber
auch
skeptisch, ob überhaupt mehr als zehn Prozent der Bevölkerung
den
Unterschied zwischen den Varianten «wohl bekannt» und
«wohlbekannt»
verstehen. Die Kritiker der Reform sollten sich vor das
nachmittägliche
Jugendverdummungsprogramm der Privatsender setzen und dagegen
opponieren. Wer ein Einlenken bei der Reform verlangt, der
übersieht,
dass die Wurzel allen Übels in der abnehmenden Bereitschaft
begründet
liegt, sich produktiv mit der Sprache auseinander zu setzen. Das
Argument der Schriftsteller, dass es schlecht sei, wenn Schreiber und
Leser nicht die selbe Schriftsprache benutzen, ist hinfällig.
Praktisch
gesehen hat es diesen Zustand in den letzten Jahren ohnehin nicht
gegeben. Immerhin bekommen Gegner der Rechtschreibreform heutzutage
Nobelpreise. Ich frage mich, ob ich nicht auch gegen irgendwas sein
kann?
*
Auch werde ich den Eindruck nicht los, dass viele von denen, die
maßgeblich an der Reform beteiligt waren, nun so tun, als
hätten sie
das nicht gewollt. Von Spitzfindigkeiten abgesehe hat das Regelwerk
einige beachtenswerte Änderungen hervor gebracht. Um die Reform
wirklich einfacher zu halten und die Akzeptanz zu
erhöhen, hätte man die Konjunktion «dass» seines
unpraktischen zweiten
«s» berauben
müssen. Letzteres hätte vermutlich 50% der gängigsten
Fehler behoben. Gerade Zeitungsfritzen hätten von dieser
Änderung
profitiert. Der
Bonner General-Anzeiger trägt mit seinen
Stilblüten und grammatikalischen Fehlern in praktisch jedem
Beitrag und
an jedem Morgen aufs Neue zur Belustigung seiner Leser bei. Als man die
Korrekturleser entließ, um Kosten zu sparen, ahnte man noch
nicht, dass
die Redakteure selbst der Sprache immer weniger mächtig sein
würden.
Man kennt diesen Effekt seit den Pisastudien. Heute sind die Fehler so
offensichtlich, dass sie direkt ins Auge fallen.
1
Ich abonniere den SPIEGEL nun seit
mehr als
zwanzig Jahren, werde ihn aber abbestellen, wenn er, wie
angekündigt, zur alten Rechtschreibung zurückkehrt.